Es war schon recht spät an diesem Abend, später als es hatte werden und somit jetzt sein sollen. K. lief die Strasse entlang, vorbei an den Häuserfronten. Er war müde und auf dem Weg nach Hause. Da entdeckte er ihn, als er wieder von seinen Schuhen aufsah, er kam ihm entgegen. Im Schatten der Häuser ganz nah bei den Hauseingängen vorbei bewegte er sich langsam auf K. zu. Er hätte sich nicht schneller bewegen könnnen, nicht mal wenn er gemusst hätte, in diesem Rollstuhl.

K lief langsamer.

Der benutze seine Beine, um sich voran zu bewegen, nicht wie K. es bei anderen gesehen hatte, seine Hände um die Räder anzutreiben. Er hatte seine Beine unnatürlich überkreuzt und stiess sich mit ihnen vom Boden ab. Es wirkte noch nicht einmal sonderlich ruckartig stellte K. erstaunt fest, fast schon routiniert. Jetzt konnte K. ihn besser sehen. Diese Beine, diese dürren Spinnenbeine! Warum quälte er sich denn so? Waren seine Arme so schwach? Er war so langsam, er musste für die gleiche Strecke bestimmt fuenf mal so lange brauchen wie K.oder jeder andere. Warum war er um diese zeit überhaupt noch unterwegs? Traute er sich tagsüber nicht auf die Strasse, wollte er die Blicke der Menschen nicht? Aber es waren doch ungute Zeiten, gefaährlich für ihn, das musste ihm doch klar sein. man hörte doch immer wieder von Überfällen in letzer Zeit, und gäbe es ein leichteres Opfer als ihn? Aber es gab ja wohl auch nichts zu holen und das war sichtbar, so konnte er sich vermeintlich sicher fühlen. Nichtmal ein kräftiger Bursche in den besten Jahren traute sich um diese Nachtzeit in alle Strassen und Gassen. Die Banden waren sicher auch heute wieder unterwegs und sie waren berüchtigt dafür das sie brutal zu Werke gingen, zuschlugen und stachen. K. hatte gehört das Leute in seiner Nachbarschaft überfallen worden waren und jetzt nicht mehr da wohnten. Deshalb hatte K. darauf einen Freund besucht, von dem er sich etwas hatte besorgen lassen. Von K. sollten sie nichts bekommen.

Er war jetzt an ihm vorbei, und hatte ihn genau sehen koennen im Licht der Laterne. Kurze Haare, ein eingfallenes unrasiertes Gesicht. Den Kopf seitlich zur rechten Schulter hin geneigt. Seine Arme waren wohl gelähmt, er hatte sie in seinem Schoss gerade verschränkt, aber sie sahen nicht aus als ob er damit noch viel ausrichten konnte. Er sah so abstossend aus, jemand an dem man schnell vorüberging und nach dem man sich nicht umdrehte, den man schnell wieder aus seinen Gedanken verdrängt und von dem man auf keinen Fall träumen wollte. Er sah aus wie eine Spinne der man die Hälfte der Beine ausgerissen hatte und die nun versuchte sich mit ihrem Leibesverlust davonzuschleppen und doch noch zu entkommen. Aber er bewegte sich fast lautlos, nichts quietschte. Er tat auch besser daran nicht bemerkt zu werden.

K. würde jetzt nicht vergessen und K. überlegte warum dieser Krüppel sich dieser Gefahr aussetzte, obwohl er nicht musste. Er überlegte was er tun würde wenn er in seiner Lage wäre. Er glaubte jetzt alles zu verstehen. K. könnte so nicht leben. An den Rollstuhl gefesselt, kaum in der Lage sich zu bewegen, das würde er nicht ausleiden wollen. Jeder Tag musste eine einzige Qual sein. Selbst sich mit Fotos und Briefen die Erinnerung aufzeigend das es einmal anders war. Er würde versuchen es zu beenden.

Bestimmt hatte auch dieser Mann es versucht. Irgendwann musste er aufgewacht sein und hatte verstanden das es immer so gehen würde, das er, und auch niemand sonst, es wieder rückgängig machen würde. Er war aufgewacht an einem Morgen und die Erkentniss war über ihn herabgekommen, in ihn eingebrochen, hatte sich festgesetzt und konnte nun nicht mehr abgeschüttelt werden. Seine Hoffnung war gestorben, diese dumme kleine Hoffnung die selbst dann noch bei uns bleibt wenn es schon lange nichts mehr zu hoffen gibt. Er wollte schreien, doch er war in seinen Gedanken bereits weiter, dort wo der Schrei wieder verstummt war, ohne das er je geschrien haette. Für immer im Rollstuhl, für immer entstellt. Und es würde schlechter werden, er würde mit dem Alter langsamer werden bis er sich alleine gar nicht mehr bewegen konnte. Er blieb noch ein bischen liegen und wiederholte leise was er gedacht hatte, bis es sein Mantra wurde.

Wahrscheinlich hatte er versucht sich eine Treppe herabzustürzen in der Hoffnung sich das Genick zu brechen. Seine Möglichkeiten waren sehr beschränkt. Er konnte auch niemanden bitten es für ihn zu tun, sowas sprach man ja nicht aus. Man hätte für ihn sonst vielleicht sogar noch gebacken, und alles wären gekommen und hätten nicht von ihm abgelassen bis er ihnen gesagt hätte das alles ja nun doch gar nicht so schlimm sei und das andere, wie er, ja auch seien. Diese Freunde hätten seinem Wunsch widersprochen und wären dann wohl nicht mehr so oft gekommen, also unterliess er es lieber gleich anzufragen. Es kam nun aber schon lange niemand mehr.

Er hatte versagt, ausser ein paar Schürfwunden war ihm nichts pasiert. Jeder andere wäre nach dem Schock weinend und lachend weggerannt und hätte alles geändert. Aber er konnte ja nicht rennen, noch nicht einmal laufen.

Da lag er nun, gescheitert, am Fuss der Steintreppe, der Rollstuhl halb auf ihm, er versuchte nicht ihn wegzuschieben und sich aus seiner ungenehmen Lage zu befreien. Er lag da und starrte unbestimmt ins Leere. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Überraschung, Erstaunen und Enttäuschung. Nach einer Weile fing er leise an zu wimmern. Irgendwann fanden sie ihn und halfen ihm in seien Metallstuhl zurück der zugrösst heil geblieben war. Sie fragten ob alles in Ordnung sei, und er zwang sich zu einem Lächeln, sagte was von nicht aufgepasst und abgerutscht und Glück gehabt. Doch er spürte das sie etwas ahnten. Einer der Männer wollte ihm noch Geld zustecken bevor sie weitergingen doch der andere zog ihn mit verstörtem Blick fort und sie gingen beide schnell weiter. Er sah ihnen nach, sein Blick trennte ihre Beine ab.

Er verliess seine Wohnung fast einen Monat lang nicht, danach ging er nur noch raus wenn es dunkel war. Er hatte nie wieder den Mut gefunden es erneut zu versuchen.

K. verstand was zu tun war. Er musste ihm doch helfen, denn er selber konnte es sich ja nicht. K. fasste sich in die Innentasche seiner Jacke und drehte um. Da war es wieder. Der Mann war schon ein Stück entfernt. K sah ihn. K. lief schneller, er würde ihn bald eingeholt haben. Beide bemerkten nicht das ausser ihnen niemand mehr auf der Strasse war, er sah nur den Rollstuhl der hin und herschwankte, von links nach rechts. K. musste an ein altes Schiff denken das langsam sank. Der Mann dachte an nichts.